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Plenarvorträge Block 2: Psychotherapie

Psychotherapie in der stationären Psychiatrie – Schulenorientierung vs. Eklektizismus?

Prof. Dr. Sabine Herpertz, Heidelberg

Die aktuellen S3-Leitlinien geben vor, dass bei fast allen psychischen Störungen psychotherapeutische Interventionen zur Anwendung kommen können und bei hohen Schweregraden und chronischem Verlauf Kombinationsbehandlungen aus Pharmakotherapie, Soziotherapie und Psychotherapie indiziert sind. Der zunehmende Stellenwert, dem die Psychotherapie zukommt, erfordert ein besonderes Nachdenken über die Bedürfnisse von Patienten, wie sie sich typischerweise in stationär-psychiatrischer Behandlung befinden. Störungsspezifische Manuale, die in der stationären Psychiatrie breit zur Anwendung kommen, sind wirksam, kommen allerdings bei Menschen mit schweren psychischen Störungen an ihre Grenzen, da bei ihnen im Regel- und nicht etwa im Ausnahmefall die Kriterien mehrerer psychischer Störungen erfüllt sind und die Krankheitslast weniger von der spezifischen Diagnose als vom Schweregrad abhängt. Über die Diagnose hinaus sind zudem weitere Patientenmerkmale als Behandlungstargets zu wählen, die sich auf die Patientenpersönlichkeit, ihre interpersonellen Eigenschaften und Kompetenzen als auch den Kohärenzgrad ihrer Identität beziehen, bestimmen diese über die Schwere der Funktionsbeeinträchtigungen im Alltag. Auch ist dem Ausmaß des Leidensdrucks, dem vorherrschendem Copingstil sowie der Behandlungsmotivation besondere Aufmerksamkeit bei der Therapieplanung zu schenken. Stationär-psychiatrische Psychotherapie setzt deshalb die sorgfältige Erarbeitung individueller Fallkonzeptionen voraus. Die aktuell zunehmend diskutierte Modulare Psychotherapie könnte ein Brückenschlag zwischen störungsspezifischen Psychotherapien und individualisierten transdiagnostischen Therapieansätzen darstellen. Da bei schweren und vor allem chronisch verlaufenden psychischen Erkrankungen Heilung oft nicht erreicht werden kann, bietet hier die Recovery-orientierte Behandlung den konzeptuellen Rahmen, in dem psychotherapeutische Interventionen die Betroffenen unterstützen, mit ihrer Erkrankung leben zu können, und der Behandlungsprozess so gestaltet wird, dass er sich an den vom Patienten formulierten Zielen und an der Partizipation in wichtigen Lebensbereichen ausrichtet.

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Unerwünschte Wirkungen der Psychotherapie

Prof. Dr. Michael Linden, Berlin

Viele Laien und auch manche Therapeuten gehen gelegentlich davon aus, dass Psychotherapie keine Nebenwirkungen haben könne, wohingegen einschlägige Studien zeigen, dass Psychotherapie häufig, relevante und auch überdauernde Nebenwirkungen haben kann(Linden & Strauss, 2018).
Bei der Nebenwirkungserfassung gibt es in der Psychotherapie Probleme bzgl. der Abgrenzung zu Therapieversa¬gen, zu Hauptwirkungen (z.B. Scheidung), zu Kunstfehlerfolgen oder wegen fehlende Instrumente und einem Wahrnehmungsbias von Therapeuten.
Nebenwirkungen sind definiert als (a) unerwünschte Ereignisse, die sowohl die unmittelbare Krankheitssymptomatik wie auch Änderungen in den Lebensbedingungen der Patienten betreffen können, (b) die parallel zu einer Therapie auftreten, (c) bei denen ein kausaler Bezug zur Therapie besteht, die (d) nach den geltenden Fachregeln korekt durchgeführt wurde (Linden 2013).
Es gibt Nebenwirkungen, die bei jeder Therapie auftreten (z.B. psychische Belastung durch Problembesprechung, Offenbarung eigener Probleme gegenüber einem Dritten) und es gibt Nebenwirkungen spezieller Interventionsmethoden (z.B. Angstverstärkung durch Exposition, Induktion von False Memories, inadäquate Problemlöungen).
Da Nebenwirkungen in der Psychotherapie ein häufiges Phänomen sind, müssen sich Therapeuten dessen bewusst sein, um darauf adäquat reagieren zu können. Ein kontinuierliches Nebenwirkungs-Monitoring muss daher Teil jeder Behandlung sein. In der Therapeutenausbildung und speziell der Fallsupervision sollten Nebenwirkungen ein regelmäßiger Fokus sein.

Literatur:
Linden, M. & Strauß, B. (Hrsg.). Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie. Berlin: MWV 2018,.
Linden, M.. How to Define, Find and Classify Side Effects in Psychotherapy: From Unwanted Events to Adverse Treatment Reactions. Clinical Psychology & Psychotherapy. 20, 286-296, 2013

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