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Abstracts der LVR-Fokustagung 2021

09:45 Uhr || Früherkennung und Prävention der Altersdemenz

Univ.-Prof. Dr. Frank Jessen, Köln

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10:30 Uhr || Demenz ist nicht gleich Demenz - Differenzialdiagnostik und medikamentöse Ansätze bei Altersdemenzen

Prof. Dr. Tillmann Supprian, Düsseldorf

Die Demenz vom Alzheimer-Typ ist in Deutschland die häufigste Form der Demenzerkrankung im höheren Lebensalter. Differentialdiagnostisch müssen andere Erkrankungen, die ebenfalls zu einem Demenzsyndrom führen können, abgegrenzt werden. Die S3-Leitlinie „Demenzen“ gibt Empfehlungen, wie die Differentialdiagnostik durchgeführt werden sollte. Neben der klinischen Untersuchung, neuropsychologischen Testungen, apparativer Diagnostik einschließlich bildgebender Verfahren und Labordiagnostik spielen auch Biomarker eine wichtige Rolle in der Zuordnung der Störungsbilder.
Probleme in der Differentialdiagnostik ergeben sich insbesondere aus der Überlappung von Pathomechanismen. Das bedeutet, dass bei einem Patienten verschiedene Krankheitsprozesse gleichzeitig vorliegen können, die zum demenziellen Syndrom beitragen. Insbesondere die Abgrenzung neuro-degenerativer und vaskulärer Prozesse bereitet Schwierigkeiten, da beide miteinander interagieren können. Der Stellenwert der zerebralen Mikroangiopathie in Verbindung mit einer Alzheimer-Erkrankung ist nur schwer zu quantifizieren. Aber auch andere Kombinationen von Krankheitsprozessen sind schwer voneinander abgrenzbar, wie die Kombination von Amyloid-Pathologie mit α-Synuclein-Pathologie bei Parkinson-Syndromen oder äthyltoxische Wirkungen in Verbindung mit neurodegenerativen Prozessen. Im Vortrag werden die diagnostischen Unsicherheiten der verschiedenen Demenz-Syndrome des höheren Lebensalters vorgestellt.

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11:45 Uhr || Psychotherapie bei Altersdemenzen

Prof. Dr. Reinhard Lindner, Kassel

Psychotherapie dement werdender Patienten ist immer noch eine Seltenheit. Die Tatsache, dass der demenzielle Prozess nicht durch Psychotherapie aufzuhalten ist, wird immer noch als Grund dafür angesehen, die Vielzahl intrapsychischer Konflikte und interpersoneller Problemsituationen als einer Psychotherapie nicht zugänglich zu verstehen. Nach einer Einführung in aktuelle Konzepte der psychodynamischen Psychotherapie „vergessender“ Patienten wird anhand einer Behandlungsgeschichte einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie über 25 Stunden bei einer 78jährigen Patientin die Behandlung des Verlusterlebens, die Bewältigung von Trauer und die Ermöglichung einer realitätsangemessenen Entscheidung in Konfliktlagen eines demenziellen Prozesses vorgestellt.

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12:15 Uhr || Bewegung bei Altersdemenz

Priv.-Doz. Dr. Peter Häussermann, Köln

Zur Behandlung von Demenzerkrankungen existieren zugelassene symptomatisch pharmakotherapeutische Therapieansätze. Krankheitsmodulierende oder präventive Therapieansätze haben bei Altersdemenz ein hohes Potential den Beginn der Erkrankung hinauszögern bzw. die klinische Manifestation zu verhindern. Körperliche Aktivität hat nachgewiesene präventive und auch symptomatische Effekte auf kognitive wie auch nicht-kognitive Demenzsymptome. Der Vortrag gibt einen aktuellen Überblick über die bestehenden Evidenzen bewegungstherapeutischer Therapiepräventionsansätze bei Altersdemenzen.

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12:45 Uhr || Innovative Aspekte der Pflege bei Altersdemenz

Anton Münster, Lünen

Die professionelle Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz ist begleitet von hohen Anforderungen an das medizinische Fachpersonal. Neben der hohen Flexibilität, die die Pflegenden durch eine hoch individualisierte Versorgung an den Tag legen müssen, kommt es immer wieder zu herausfordernden Verhaltensweisen von Menschen mit Demenz, die auch gut ausgebildetes Fachpersonal an ihre Grenzen bringen. Um mit diesen Belastungen umgehen zu lernen, ist es notwendig, die Verhaltensweisen in einen professionellen Kontext zu übersetzen und dadurch die Motive und Motivation von Menschen mit Demenz zu verstehen.
Im Rahmen des Vortrags lernen Sie die „Person-zentrierte Interaktion nach Tom Kitwood“ kennen. Nach Kitwood sind die Bedürfnisse der Menschen mit Demenz Grundlage für eine gelingende Beziehungsgestaltung und das gegenseitige Verstehen. Um dies in den pflegerischen Alltag zu übersetzen, erhalten Sie Methoden zur Analyse der Wünsche und Bedürfnisse der Betroffenen.

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14:00 Uhr || Zwangseinweisungen bei Altersdemenz: Risikofaktoren und präventive Ansätze

Prof. Dr. Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank, Köln

Zwangseinweisungen und weitere Zwangsmaßnahmen sollen in der Versorgung psychisch Kranker möglichst nur als Ultima Ratio eingesetzt werden. Um Zwang in der psychiatrischen Versorgung minimieren zu können, ist es wichtig die verschiedenen Risikofaktoren oder Determinanten (patientenseitig, behandlerseitig, systemisch, umweltbezogen) und deren Zusammenspiel zu analysieren, um im nächsten Schritt aussichtsreiche präventive Maßnahmen ableiten zu können. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass ältere Menschen mit Demenzen und anderen organischen psychischen Störungen gerade in Deutschland besonders häufig von Zwangseinweisungen in psychiatrische Krankenhäuser betroffen sind. Im Beitrag werden mögliche Gründe auf systemischer Ebene der Gesundheitsversorgung diskutiert und denkbare präventive Ansätze skizziert.

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14:30 Uhr || Das Demenz-sensible Krankenhaus

Priv.-Doz. Dr. Rupert Püllen, Frankfurt a.M.

Klar im Kopf zu bleiben, ist der große Wunsch vieler älterer Menschen. Dieser Wunsch ist gut nachvollziehbar, bilden doch gute kognitive Fähigkeiten eine Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben im höheren Lebensalter. Zudem fehlen für die meisten dementiellen Syndrome effektive Behandlungsmöglichkeiten. Ein wesentlicher Risikofaktor für kognitiven Abbau bildet der akute Verwirrtheitszustand – das Delir. Trotz seiner großen Häufigkeit im Krankenhaus und trotz fehlender direkter medikamentöser Behandlungsmöglichkeiten bleiben die präventiven Maßnahmen in den meisten Kliniken weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Das Problem beginnt mit der frühen Identifikation gefährdeter Patienten. Weder ein Laborwert noch eine Bildgebung erlaubt die Diagnose eines Delirs, sondern nur die strukturierte Befragung des Patienten. Bei gefährdeten älteren Personen lassen sich akute Verwirrtheitszustände sowohl in ihrer Häufigkeit als auch in ihrer Schwere durch geeignete Maßnahmen signifikant reduzieren. Wirksam ist allerdings keine Einzelmaßnahme, sondern nur ein Bündel verschiedener Maßnahmen. Diese Maßnahmen müssen von verschiedenen Berufsgruppen in einem engen Zeitfenster erbracht werden. Deshalb erfordert eine effektive Delir-Prävention gut auf einander eingestimmte Organisationsformen und einen gezielten Blick auf den gefährdeten Patienten. So wie vor jedem chirurgischen Eingriff Angaben zur Gerinnung und zu Herz-Kreislauf-Funktionen gefordert werden, um entsprechende Komplikationen in den Organsystemen zu verhindern, so muss in gleicher Weise ein Überblick über die kognitive Situation und Gefährdung des Patienten vorliegen, bevor ein operativer Eingriff beginnt. Dies erfordert ein Umdenken auf vielen Ebenen im Krankenhaus. Der Vortrag stellt Möglichkeiten, Schwierigkeiten und Chancen effektiver Delir-Prävention vor und will auf dem Weg zur Entwicklung eines demenzsensiblen Krankenhauses ermutigen.

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15:30 Uhr || Altersdemenz und Angehörige: Hilfen und Herausforderungen

Sigrid Wächter, Köln

Durch Demographie, steigende Lebenserwartung und gesellschaftliche Veränderungen nehmen psychische Erkrankungen im höheren Lebensalter stark zu. Neurodegenerative Erkrankungen spielen hier eine besondere Rolle: die Zahl der an Demenz erkrankten Menschen in Deutschland beläuft sich auf ca. 1,6 Millionen (Stand: 2019), von denen derzeit noch ca. 2/3 im häuslichen Umfeld von Angehörigen versorgt werden. Für das Jahr 2050 gehen Schätzungen von einem Anstieg auf ca. 2,4 bis 2,8 Millionen Erkrankte aus. Jährlich erkranken ca. 300.000 Menschen neu, davon sind etwa 60% von einer Demenz vom Typ Alzheimer betroffen.
Diese damit verbundenen Belastungen stellen die Betroffenen, ihre Angehörigen und die bestehenden Hilfesysteme schon jetzt vor große Herausforderungen.
Die Begleitung von Menschen mit Demenz muss verschiedene Bereiche einbeziehen und gleichzeitig die gesundheitliche und psychosoziale Unterstützung der pflegenden Angehörigen berücksichtigen. Dafür ist eine sorgfältige Ermittlung der erforderlichen medizinischen, pflegerischen, therapeutischen und psychosozialen Versorgungsbedarfe notwendig.
Der Vortrag stellt Inhalte und Bedarfe der Zielgruppe aus der Sicht einer gerontopsychiatrischen Beratungsstelle vor und versucht anhand der Prognosen und veränderten Bedürfnislagen einen Ausblick in die Zukunft, wie umfassende und vernetzte Beratung und Versorgung gelingen können.

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16:00 Uhr || Gewaltvermeidung in der Versorgung bei Altersdemenz

Ioanna Kapsimali, Düsseldorf

Im Alter möglichst lange in der eigenen Häuslichkeit zu leben ist erklärter Wunsch der meisten Älterwerdenden in Deutschland. Dies gilt ebenfalls bei Erkrankung und resultierender Pflegebedürftigkeit und im Besonderen für Menschen, die an einer Demenz erkranken.
Die Versorgung in der Häuslichkeit über lange Zeit birgt ein nicht geringes Risiko für die Entstehung von Krisen bis hin zu Gewalt (Projekte Milcea, Silia etc.), denn Pflegende und Gepflegte kommen oft an die Grenzen ihrer körperlichen und psychischen Belastbarkeit.
Görgen (2010) fordert multidimensionale und somit passgenaue Interventionsansätze für die Präventionsarbeit im Handlungsfeld der familialen Pflege, um Krisen- und Gewaltsituationen zu vermeiden. Hierbei betont er die Notwendigkeit eines niedrigschwelligen Zugangs und einer zielgruppengerechten, trägerübergreifenden Beratungsinfrastruktur.
In Düsseldorf ist seit 2004 mit dem Demenznetz ein stadtweites Angebot niedrigschwelliger Hilfen etabliert. Kooperationspartner sind aktuell die Wohlfahrtsverbände der Stadt Düsseldorf und die Institutsambulanz der Abteilung Gerontopsychiatrie, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. In diesem Rahmen entstand das Projekt „Prävention im Quartier - Aufmerksam Sorge Stärken (PiQ-ASS) Krisen- und Gewaltprävention bei der Betreuung demenziell erkrankter Menschen in der Häuslichkeit“.
Im Modellprojekt wurden die Risikofaktoren, die zu Krisen- und Gewaltsituationen bei der Betreuung von Menschen mit Demenz in der Häuslichkeit führen können, untersucht. Zudem wurden die Beteiligte durch Information und Beratung in krisenhaften Situationen entlastet. Nach Abschluss des Projektes wurde ein Fortbildungsmodul zur Schulung für das Fachpersonal im Netzwerk - einschließlich der ehrenamtlichen Helfer sowie ein Psychoedukationsprogramm zum Umgang mit Krisen- und Gewaltsituationen in der Häuslichkeit entwickelt. Die Ergebnisse und die Erfahrungen im Projekt werden vorgestellt.

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16:30 Uhr || Altersdemenz im Film

Prof. Dr. Axel Karenberg, Köln

Seit 1985 sind mehr als 30 Spielfilme mit einem Demenz-Motiv nachzuweisen, davon 15 regelrechte „Demenz-Dramen“ mit zum Teil prominenter Besetzung (Mia Farrow, Judy Dench, Götz George, Gérard Depardieu, Dieter Hallervorden). Obwohl Produzenten die Krankheitssymptome weitgehend adäquat auf die Leinwand bringen, handelt es sich doch um einen weichgespülten psychiatrischen Pseudo-Realismus: Weder alltagspraktische Probleme noch pflegerische Optionen oder fortgeschrittene Stadien werden in Szene gesetzt. Dafür pflegen Regisseure einen äußerst kreativen Umgang mit Gedächtnispathologien: Sie thematisieren sie direkt oder präsentieren Intervalla lucida, schaffen biographische Vergleiche zu gesunden Zeiten und lassen tabuisierte Inhalte wieder auftauchen. Als weitere Inszenierungsstrategien lassen sich die Konstruktion einer Fallhöhe (Professoren, Schriftsteller, Musiker, Anwälte, Ärzte als Filmpatienten) und die Einbettung in Liebesgeschichten („love miracles“) erkennen, weswegen die meisten Produktionen in die Kategorie des Weepie (tränenreiches Rührstück) fallen. Zum Interesse der Medien am Thema an der Schattenseite des individuellen Gedächtnisses tragen sicherlich epidemiologische und biologische, aber auch informationstechnologische und historische Kontexte bei. Letztlich fungieren Demenz-Erzählungen in Kino und Fernsehen als filmische Spiegelneurone, die Handlungsmöglichkeiten in Krisensituationen antizipieren und den Zuschauern Modelle sozialer und privater Auffangnetze für den Fall von Krankheit und Behinderung liefern.

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